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Buchvorstellung

Buchrezension: Die Wurzeln des Antikaptialismus (Ludwig von Mises)

Dirk Friedrich

Über „Die Wurzeln des Antikapitalismus“ schrieb Ludwig von Mises bereits im Jahr 1956 auf Englisch (The Anti-Capitalistic Mentality). Der Essay erschien in Deutschland (in Übersetzung aus der Feder von Stephen Frowen) erstmals im Jahr 1958, dann ein zweites Mal im Jahr 1979 und ist seitdem vergriffen. Dank dem Liechtensteiner „European Center of Austrian Economics Foundation“ liegt der Titel endlich in einer Neuauflage von 2007 vor. Vorangestellt ist dieser dritten Auflage ein Vorwort ihres Herausgebers Kurt R. Leube.

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Und wie nötig ist die Mises'sche Analyse der Wurzeln des Antikapitalismus! Nahezu alle westlichen Staaten - und mittlerweile auch viele fernöstliche und osteuropäische Staaten -organisieren ihre Wirtschaft als Mischform, von Mises als Interventionismus bezeichnet. Sowohl die kapitalistische Ordnung als auch das sozialistische Wirtschaftssystem sind durch diese fast weltweit abgelöst worden. Die politische Integration großer Wirtschaftsräume, insbesondere der Europäischen Union, hat hierzu maßgeblich beigetragen. Durch die europäische Einigung und die Ausdehnung der EU nach Osten wurden die nationalstaatlichen Regelungen harmonisiert. Dieser Prozess hat einerseits dem Individuum das kostengünstige Ausweichen vor nachteilig wirkenden politischen Entscheidungen erschwert. Die Durchsetzung illiberaler Gesetze wurde dadurch enorm erleichtert. Andererseits wurden durch die Öffnung der vormals geschlossenen osteuropäischen und mancher asiatischen Volkswirtschaften Ausweichmöglichkeiten für diejenigen eröffnet, die wegen der nachteiligen politischen Entscheidungen eine rosigere Zukunft im Ausland sehen. Der Ruf nach schärferen - und unfreiheitlichen - Kontrollen und Einschränkungen für diese als Heuschrecken beschimpften Akteure wird zunehmend lauter. Er verstärkt die vorhandenen antikapitalistischen und antiliberalen Ressentiments.

Die Neuauflage der Analyse zur antikapitalistischen Mentalität kommt also gerade rechtzeitig. Dabei handelt es sich - trotz des geringen Umfangs von nur 94 Seiten - nicht um ein Werk für Einsteiger in liberale Literatur. Mises setzt konsequent die Kenntnis und die Überzeugung voraus, dass der Kapitalismus die Form der ökonomischen Organisation der Gesellschaft ist, „die am ehesten der charakteristischen Eigenschaft des Menschen entspricht, seine Wohlfahrt durch zielbewusste Tätigkeit zu fördern.“ Kapitalismus „erlaubt dem Menschen die umfangreichste Befriedigung von Wünschen, die wiederum zu befriedigende Wünsche gebären.“

Diese Überlegenheit des Kapitalismus hat Mises bereits zuvor durch seine unumstößlichen praxeologischen Schlussfolgerungen gezeigt. „Die Wurzeln des Antikapitalismus“ ist eine Studie in angewandter Thymologie. Thymologie ist nach Mises ein Zweig der Geschichtswissenschaften, der zur Illustration dessen beiträgt, wie Menschen in der Vergangenheit bewertet haben. Es geht also um die Erforschung der psychologischen Ursachen für die Handlungen der Menschen. Schlüsse für die Zukunft lassen sich aus solchen historischen Betrachtungen nicht ziehen. In Mises zutreffender Sicht gibt es keine Unvermeidlichkeit historischer Abläufe. So wie der Kapitalismus die vor ihm gewesene ökonomische Organisation abgelöst hat, so hat der Interventionismus die liberale Wirtschaftsordnung beseitigt. Ähnlich wie Weber die protestantische Ethik als eine mögliche Erklärung für das Aufkommen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung anbietet, sucht Mises die Ursachen ihres Verfalls zu zeigen. In einer tour de force unterzieht er verschiedene Personenkreise und insbesondere die Literatur unter dem Kapitalismus seiner fachkundigen Betrachtung und macht dabei im Wesentlichen drei Gründe für das Bestehen der antikapitalistischen Mentalität aus: Einmal Neid und Hass als emotionale Gründe des Handelns, zum anderen die unvernünftige Ablehnung des Kapitalismus als einzige dauerhaft durchführbare Wirtschaftsordnung. Schließlich nennt er als drittes Motiv die Angst vor einem Versagen im Wettbewerb.

So sind es häufig gerade diejenigen, die dank des Kapitalismus ein hohes Einkommen haben und große Vermögen anhäufen konnten, die seine schärfsten Widersacher sind. Ein Beispiel hierfür, das auch für die Gegenwart von besonderer Relevanz ist, sind die „Filmstars und Bühnenhelden“. Da der Geschmack des launischen Publikums wechselt, sind diese Personen, deren einziges Produktionsmittel die eigene Kunst ist, den Veränderlichkeiten der Nachfrage in besonderem Masse ausgesetzt. Ein sozialistisches Wirtschaftssystem verlockt durch eine bürokratisch geregelte Konstanz der Nachfrage und die Beseitigung aller Existenznöte. Wenn die Abhängigkeit von den Launen der Bürokraten überhaupt erkannt wird, dann sehen sich wohl gerade die charismatischen Bühnenhelden in der Lage, einzelne Bürokraten von dem Wert ihrer Darbietungen besser überzeugen zu können als ein wankelmütiges Publikum mit sich ständig änderndem Geschmack.

In der Analyse verschiedener anderer Personengruppen dominiert wiederkehrend deren Distanz zum Produktionsprozess ihre Meinung über den Kapitalismus. Mises untersucht etwa die Vorurteile der Intellektuellen und die der Beamten. Vielfach vermag die Analyse zu überzeugen, manchmal scheint sie jedoch an der Oberfläche zu verweilen. Dies mag jedoch dem zwischenzeitlichen Zeitablauf geschuldet sein. Besonders deutlich wird dies, wenn Mises sich den Kriminalromanen widmet. Diese hätten stets den unverdächtigen und bei allen beliebten bourgeoisen Menschen zum Thema. Im Laufe der Geschichte stelle sich dann durch die Arbeit des staatlichen Inspektors heraus, dass dieser beliebte Mensch in Wahrheit unlauter sei und auch auf diese Weise sein Vermögen erworben habe. Das Genre der Detektivgeschichten befriedige den Neid und den Hass der Versager auf die Erfolgreichen. Diese Analyse mag nach dem zweiten Weltkrieg vielleicht zutreffend gewesen sein, ist es heute angesichts der Mannigfaltigkeit der der in Kriminalromanen verwendeten Themen und Hintergründe aber nicht mehr. Es ist heute ein leichtes, Krimis über kriminelle Staatsdiener zu finden.

Trotz dieser unvermeidlichen Schwäche eines Werkes, das vor mehr als fünf Jahrzehnten verfasst wurde, gehören „Die Wurzeln des Antikapitalismus“ in jeden liberalen Bücherschrank. Es wäre wünschenswert, wenn Mises Studie eine Aktualisierung erfahren könnte, die von dem mittlerweile vorgerückten Kenntnisstand der Psychologie sicherlich profitieren könnte. Gleiches gilt für die erzielten soziologischen Fortschritte. Mises konnte Helmut Schoecks soziologische Studie zum Neid nicht berücksichtigen. Diese erschien erst 1966 und bis heute sollten in dieser Disziplin weitere Neuerungen zu verzeichnen sein, die einer aktuellen Analyse der antikapitalistischen Mentalität dienlich sein könnten.

Zukünftige Auflagen sollten mit Blick auf durch das Scannen verursachte Fehler durchgesehen werden.

Ludwig von Mises, Die Wurzeln des Antikapitalismus, Colombo/Vaduz 2007

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